Rezension: Die Yogini von Ulli Olvedi

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Titel: Die Yogini

Autorin: Ulli Olvedi

Genre: Roman

Verlag: Arkana

Format: Hardcover

Preis: 22,99€ [D]

Seiten: 576

 

Klappentext

Der abenteuerliche Entwicklungsweg einer Frau, die auszog, die Furchtlosigkeit zu lernen.

Krieg und Intrigen, Leidenschaft und innere Suche zeichnen Lenjams Weg. Sie wächst in Osttibet auf, in einer Welt voller Götter, Geister und Dämonen, doch zugleich in der geistigen Sphäre des tibetischen Buddhismus. Angetrieben von ihrem größten Wunsch, eine Yogini, also eine Schülerin auf dem tantrischen Weg zu werden, findet sie Meister und Meisterinnen. Ungeachtet des allgegenwärtigen Urteils im patriarchalen Tibet, Frauen seien weniger wert, erfährt sie die Gleichrangigkeit und Einheit des Männlichen und Weiblichen und erlernt das Geheimnis der spirituellen Partnerschaft. Lenjam durchlebt Glück und Leiden, Scheitern und Erfolg und findet schließlich die Freiheit, die jenseits all dessen liegt.

 

Erst einmal vielen Dank an den Arkana-Verlag, der mir dieses Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat! Es ist das erste Buch, das ich zum Rezensieren erhalten habe und daran werde ich mich sicher noch lange erinnern. 🙂

Das Cover zeigt einen Menschen, der in Richtung eines kleinen, weißen Hauses unterwegs ist, das einsam in der Natur steht. Die Person trägt ein Gewand in kräftigem Rot. Die Landschaft und das Haus sind als Kontrast dazu eher farblos gehalten. Über das Bild erstreckt sich dann noch eine Art Wäscheleine mit Stoffen, die in den buntesten Farben leuchten. Der Buchrücken ist in einem schönen Dunkelrot gehalten. Bei der Person könnte es sich um Lenjam handeln, die auf ihrem ganz eigenen spirituellen Weg ist. Man weiß nicht, ob es sich bei der Person um Mann oder Frau handelt, was gewollt sein kann, da genau diese Differenz sich im Laufe der Geschichte auflöst und immer bedeutungsloser wird. Lenjam ist aber keine Nonne und es geht auch nicht darum, dass alles immer perfekt läuft. Oft passiert einfach das Leben, in all seinen Facetten, was die bunten Stoffe symbolisieren könnten. Das Cover gefällt mir wirklich gut, da es auf der einen Seite Ruhe und auf der anderen Lebendigkeit ausstrahlt und es schafft diese beiden Elemente miteinander zu verbinden.

Mit dem Schreibstil hatte ich leider so meine Probleme. Ich habe sehr lange gebraucht, um in einen Lesefluss zu kommen, was einerseits am für mich zu komplizierten und zähen Schreibstil lag und andererseits daran, dass ich mit vielen buddhistischen oder tibetischen Begrifflichkeiten nicht so vertraut war. Zwar gibt es ab S.571 ein Glossar, in dem die Begriffe erklärt werden, aber ich hatte wenig Lust ständig nach hinten zu blättern und mich dadurch wieder aus dem Lesefluss zu reißen.

Für mich war es kein spannendes Buch in dem Sinne, das man es kaum aus der Hand legen konnte, weil man immer weiterlesen wollte. Vielmehr sind die Weisheiten aus dem tibetischen Buddhismus der spannende Kern der Geschichte, die man zusammen mit der Protagonistin Lenjam auf ihrem Weg kennen und verstehen lernt. Das Lesetempo ist langsam. Man sollte sich wirklich Zeit zum Lesen und Verstehen nehmen, um die Lehren im Buch auf sich wirken lassen zu können. Beim Lesen habe ich viel Konzentration benötigt und brauchte immer meine Zeit, bis ich in die Geschichte eintauchen konnte.

Lenjam wächst in dem Glauben auf die unbesondere Schwester zu sein. Sie denkt lange Zeit ihres Lebens, dass ihre Schwester Nyima die Besondere ist und steht in ihrem Schatten. Im Laufe des Romans macht sie eine unglaubliche Entwicklung durch, tritt aus dem Schatten ihrer Schwester hervor und wird auf ihre Weise zu etwas ganz Besonderem. Ihr Leben ist geprägt von einer schönen Kindheit, typischen Dummheiten im Jugendalter und der Reifung als Frau beziehungsweise dem etappenweisen Weg zur Yogini.

Nyima ist sich von Anfang an ihrer Besonderheit bewusst, da sie unter einem besonderen Glückszeichen geboren wurde. Sie ist Lenjam, meiner Meinung nach, eine tolle Schwester, weise, gerissen und von Anfang an wissbegierig und interessiert an den Bedeutungen der Lehrtexte und Büchern. Auch wenn Lenjam sie manchmal nervig findet und sie als Kinder öfter mal streiten, lernt sie ihre Schwester mit der Zeit immer mehr zu schätzen. Nyima nimmt oft kein Blatt vor den Mund, trotz der patriarchalischen Strukturen jener Zeit. Sie trägt mit dazu bei, dass Mädchen und Frauen endlich beachtet werden, unter anderem, weil sie die heilige Schrift sehr gut lesen kann und sich dadurch und durch schlaue Bemerkungen bei den Männern den nötigen Respekt verschafft. Sie ist ein starker und mutiger Charakter, aber macht nicht annähernd die Transformation durch, die Lenjam durchmacht.

Eine weitere erwähnenswerte Person ist der Pala (Vater). Er ist Nyimas leiblicher Vater und Lenjams Ziehvater. Sein Charakter zeichnet sich durch Autorität und Dominanz aus. Trotzdem lässt er die Mädchen von Lama Samten unterrichten und die heiligen Schriften lernen, vor allem, weil er keine Söhne hat und Nyima unter dem besonderen Zeichen geboren wurde. Nyima wird daher wie ein Sohn großgezogen und mit ihr auch Lenjam. Er ist ein Ruhepol der Geschichte, der weiß, wie die Gemeinschaft stark bleibt und man sie zusammenhält.

Kommen wir zum späteren Gefährten Lenjams, Jigme, der eine wichtige Rolle in ihrem Leben als Yogini spielt. Das Geheimnis der spirituellen Partnerschaft kann Lenjam in ihrer Beziehung zu Jigme ausleben und der Leser lernt dadurch viel über die Vereinigung von Mann und Frau. Die Autorin schafft es hier eine wunderbare Atmosphäre zu schaffen, ohne dabei obszön zu werden.

Die Geschichte spielt sich in der Natur, in Jurten und manchmal in Gebäuden ab, wobei die Natur wohl der wichtigste Ort mit dem größten Potenzial zum Lernen ist. Die Atmosphäre des alten Osttibets und die natürlichen Phänomene werden gut dargestellt.

Der Roman spielt in einer Zeit, in der man noch dachte Unwetter und Naturkatastrophen sind der Zorn der Götter. Trotzdem kristallisieren sich universelle Weisheiten heraus, die ich glaubwürdig und selbst in der heutigen Zeit relevant finde.

Meiner Meinung nach war das Ende ein runder und gelungener Abschluss der Story. Es war zwar vorhersehbar und gab keine großen Überraschungen, aber das hat mich nicht weiter gestört.

 

Fazit

Die Geschichte um die vermeintlich unbesondere Lenjam, die auf ihrem Lebensweg zur Yogini wird, beinhaltet viele buddhistische Weisheiten, in die man sanft eingeführt wird. Dieser etappenweise Weg, mit dem Lernen der Weisheiten, hat mir auch am besten gefallen. Die Natur und ihre Umstände waren gut dafür geeignet sich in Geduld und Annahme zu üben und den Charakter zu stärken. Ebenfalls schön fand ich, dass es sich bei Lenjam um eine Protagonistin handelt, mit der ich mich gut identifizieren konnte, weil sie eben nicht von Anfang an die Besondere war. Sie hatte, vor allem am Anfang, durchaus Komplexe und hat teilweise auch „schlimme“ Fehler gemacht. Umso schöner war dann ihre Rolle am Ende der Geschichte. Das Ausbrechen aus den patriarchalischen Strukturen und der Respekt, den sich die beiden Schwestern nach und nach erkämpft haben, haben mir sehr gut gefallen, denn das war absolut keine Selbstverständlichkeit im alten Osttibet.

Leider kam ich zu oft beim Lesen raus und hatte wenig Lust auf das Buch, weil es viel Konzentration erforderte. Ich kam nur langsam voran, hatte nicht immer Freude beim Lesen und konnte mich einfach nicht mit dem Schreibstil anfreunden. Dadurch fand ich das Buch teilweise anstrengend und musste mich ein wenig durchkämpfen. Vielleicht habe ich es auch einfach zur falschen Zeit gelesen, denn das Buch ist eben keines, was nur der Unterhaltung dient, sondern vermittelt gleichzeitig viele Weisheiten, die verstanden und verarbeitet werden wollen.

Trotz der Tatsachen, dass ich mich etwas durch den Roman quälen musste und der Schreibstil einfach nicht meins war, kann ich das Buch allen empfehlen, die sich für den Buddhismus, spirituelle Lehren und eine Reise ins Innere interessieren. Im Laufe der Geschichte entwickelt man als Leser ein Gespür und Verständnis für die universellen Weisheiten. Wer also kein Problem mit einem langsamen Lesetempo hat, sich Tiefe und viele tolle Zitate wünscht, sollte das Buch auf jeden Fall lesen!

 

Bewertung: 3,5 Sterne

 

Lieblingszitate

„Wenn etwas geschieht, das dir wehtut“, fuhr Ani-la fort, „kannst du ruhig ein bisschen jammern, aber andere fühlen Schmerz genauso wie du. Es ist wichtig, dass du das nicht vergisst. Denk einfach immer wieder daran. Fühle mit anderen. Dadurch wirst du ein ganz wunderbarer Mensch werden.“

 

In diesem Augenblick, anstatt vom Impuls lähmender Enttäuschung ergriffen zu werden, begriff Lenjam, dass es um Aushalten und Geschehenlassen ging. Was immer sie hoffen oder fürchten mochte, es ging doch immer nur darum anzunehmen, was kam.

 

Wenn du wissen willst, wer du warst, dann schau, wer du bist. Wenn du wissen willst, wer du sein wirst, dann schau was du tust.

 

Mit jedem dieser Feste löste sich in Lenjam mehr und mehr das Gefühl des Getrenntseins. Sie empfand die anderen immer weniger als andere. Ihre Unterschiedlichkeit war ihr Zauber, ihre Eigenschaften waren ihr Schmuck. Das ist es, dachte sie, was Glück tatsächlich ist.

 

„dein eigener Geist ist Tara. Dein Körper mit allen seinen natürlichen Formen und Eigenschaften ist Tara. Es geht nicht darum, dass du Tara rufst. Tara ruft dich. Du bist Tara. Der unendliche, strahlende Raum deines Herzens. Die Befreiung.“

 

„Wie ein Licht, das in einem einzigen Augenblick ein Haus beleuchtet, das im Dunkeln lag und unbewohnt war tausend Jahre lang, so reinigt ein Augenblick, in dem man das Leuchten des eigenen Geistes erkennt, alle in zahllosen Zeitaltern angesammelten üblen Taten und Verdunkelungen. (…) „