Was bringt uns eigentlich unser Schulsystem?

Ich habe mir vorgenommen ab und zu Themen zu besprechen, die ich interessant oder wichtig finde. Heute geht es um das Thema Schule, meine Erfahrungen und was ich davon halte.

Ich war ein Kind, das, die meiste Zeit, gerne zur Schule gegangen ist. Den Kindergarten habe ich nicht sonderlich gemocht, weil ich dort von anderen Kindern geschlagen oder von den Erzieherinnen ausgegrenzt wurde (ich weiß bis heute nicht so recht warum). Schule gefiel mir schon besser, ich hatte eine Struktur und konnte etwas lernen.

Auf dem Gymnasium hat sich dann vieles schlagartig geändert. Ich gehörte nicht mehr zu den Besseren in der Klasse und meine Noten wurden immer schlechter. Ich ging in einem kleinen Ort auf ein Gymnasium, auf dem nur wenig Schüler mit Migrationshintergrund waren. Diese gingen eher auf die Real- und Hauptschule, die, zum Glück nur ein paar Meter von unserer entfernt war. Schon als ich auf das Gymnasium kam war ich eher traurig, weil die meisten meiner Freunde auf die Realschule kamen. Hinzu kam, dass ich bei einigen Jungs in meiner Klasse nicht besonders beliebt war und jemand mobbte mich, zusammen mit seinen Freunden, sogar. Bei den Mädels war ich zwar sehr beliebt, aber auch da wurde mir bewusst, dass ich nicht mehr zu den Beliebtesten aus der Klasse gehörte, was mir leider im Alter von ca. 13 Jahren sehr wichtig war. Unsere Klasse war sehr faul und ich wusste nicht wie man lernte. Vorher war ich immer gut gewesen, wenn ich in den Unterrichtsstunden aufpasste. Nun genügte das nicht mehr und der Stoff wurde anspruchsvoller, gleichzeitig wurde uns nie erklärt, wie man sich eigentlich am besten auf so eine Schulprüfung vorbereiten kann. Ich wurde immer schlechter und hatte, zu der Zeit, alles im Kopf, nur nicht meine Schulaufgaben. Schließlich blieb ich mit einem Zeugnis sitzen, auf dem stolze fünf Fünfen und der Rest Vieren waren.

Meine Mutter wusste, dass ich nur „faul“ war, nichts getan hatte und deswegen sitzen blieb. Das stimmte wirklich, ich tat nichts, aber nicht aus Faulheit, wie ich heute weiß. Ich kannte einfach nicht die richtigen Lernmethoden und wenn ich versuchte mich auf Prüfungen vorzubereiten scheiterte ich, noch viele Jahre übrigens, meist vergeblicher, als wenn ich mich nicht so, vermeintlich intensiv, darauf vorbereitete. Die Lehrer waren sich übrigens sicher, dass auf die Realschule wechseln sollte. Mir stieg das alles so zu Kopf, dass ich sogar insgeheim hoffte auf die Realschule wechseln zu können. Nur meine Mutter glaubte immer noch an meine Fähigkeiten und meinte die Atmosphäre in meiner Klasse beeinflusst mich negativ und es würde besser werden, wenn ich das Jahr einfach wiederholen würde. Da ich vorher in einer Klasse war, die noch nach dreizehn Jahren Abitur machen sollte und in eine Klasse kam, die nach zwölf Jahren Abitur machen sollte, wiederholte ich nicht wirklich viel. Aber meine Mutter behielt trotzdem Recht: ich war in eine Klasse gekommen, die sehr gut im Unterricht mitmachte und das steckte mich an. Zwar fand ich nicht direkt gute Freundinnen, wie die Mädels aus meiner alten Klasse, weil ich in der Neuen ein merkwürdiges Konkurrenzverhalten spürte und nicht mit der Art vieler Mitschüler klar kam, aber trotzdem waren die meisten ganz nett und irgendwann fand ich auch die richtigen Leute, mit denen ich mich anfreundete.

Das Thema schlechte Noten und Mobbing schien vorerst beendet zu sein. Vorher hatte ich nur noch Freundinnen auf dem Gymnasium gehabt, aber mit zunehmenden Alter befreundete ich mich wieder mehr und mehr mit Realschülern und hing in den Pausen und meinen Freistunden im Real- und Hauptschulgebäude ab. Ich fiel nicht besonders auf, ich hatte ja schwarze Haare. 😉 Eher im Gegenteil, die Sekretärin unserer Schule fragte mich mal, finster schauend, ob ich auch auf die Schule gehen würde. Ich bejahte und sie entschuldigte sich peinlich berührt.

Mit meinen Mitschülern hatte ich mich abgefunden. In der Oberstufe, als mein alter und mein neuer Jahrgang zusammenkamen, konnte ich zwar die Denkweisen der meisten Schüler nicht nachvollziehen und legte mich auch das ein oder andere Mal mit ihnen an, aber es ging noch. Was jetzt gar nicht ging, war das Verhalten einiger Lehrer. Damals fand ich es normal und dachte, man kann ja nicht mit jedem Lehrer klar kommen. Wenn ich jedoch heute zurückblicke, weiß ich, dass ich von einigen ziemlich diskriminiert wurde und bin geschockt. Für mich war das Normalität. Mir fallen keine konkreten Beispiele ein, weil ich nicht gerne an meine Schulzeit auf dem Gymnasium zurückdenke. Einige Lehrer mochte ich natürlich sehr! Ich habe mir immer gesagt, für diese gehe ich in die Schule, denn der Unterricht lohnt sich.

Was waren das für Lehrer? Nun, das waren Lehrer, die auf aktuelle politische Diskurse aufmerksam machten und mit uns diskutierten. Lehrer, die zum Weiterdenken anregten und mich mit ihrem Unterricht dazu anregten mich für die Inhalte zu interessieren und bei denen ich Raum hatte auch mal kreativ zu sein. Lehrer bei denen meine Überlegungen erwünscht waren und nicht nur das im Abitur verlangte Wissen in uns reingeprügelt wurde, ohne es zu reflektieren. An dieser Stelle danke an diese tollen Lehrer. Viele Fächer interessierten mich einfach nicht, aber ich konzentrierte mich nicht auf meine Schwächen, sondern auf meine Stärken und das gab mir viel mehr, als wenn ich die ganze Zeit damit verbracht hätte, an meinen Schwächen zu pfeilen.

Kurz vor dem Abitur dann wollte ich alles hinschmeißen. Zum Glück wendete ich mich an die richtigen Menschen: meine Mutter und einen Lehrer, der sich sehr für die Oberstufenschüler einsetzte und mir Mut machte, statt mir zu raten von der Schule zu gehen (, wie es unser Schulleiter netterweise immer tat, um den Doppeljahrgang doch noch irgendwie zu schmälern. Er sorgte auch dafür, dass alle die Nachprüfungen hatten, durchs Abitur fielen). Ich hatte alle Unterkurse in den Grundkursen voll und durfte keinen mehr haben. Ich dachte die ganze Zeit, selbst wenn ich meine Französischnote verbessern konnte, würde ein Wunder geschehen müssen, um, nach all der Vernachlässigung, Mathe zu bestehen. Irgendwie schaffte ich es aber in diesem letzten Halbjahr keinen Unterkurs mehr zu kassieren und wurde mit Ach und Krach zum Abitur zugelassen, wie ich schon mit Ach und Krach auf das Gymnasium gekommen war (ich hatte zwar eine Empfehlung, aber mit doppelter Einschränkung). Ich bestand auch mein Abitur, zwar mit einer mäßigen Note, aber ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass ich zulassungsfreie Studiengänge studieren will und mein N.C. keine Rolle spielen würde.

Rückblickend war meine Schullaufbahn ein Kampf. Anders kann ich das Ganze nicht beschreiben. Ich wäre nach dem Abitur gerne ins Ausland gegangen, aber ich hatte zu viel Angst. Ich wollte eigentlich eine Ausbildung anfangen, weil ich wusste meine Familie können mich finanziell nicht unterstützen, aber abermals ermutigte mich meine Mutter zu studieren, weil das viel besser zu mir passen würde (und sie hat wirklich, wirklich Recht! Danke für alles, Mama <3). So fing ich direkt an zu studieren und war sogleich vom Studium sehr enttäuscht. Aber dazu wann anders mehr.

Worauf ich eigentlich hinaus will ist Folgendes: die ganze Schulzeit über geht es darum bloß irgendwie weiterzukommen und gute Noten zu haben. Der Lernstoff ist heutzutage so umfangreich, dass man froh ist, wenn man diesen drauf hat und keine Nerven und Lust mehr irgendein Thema zu vertiefen. Und auch keine Zeit. Die ganze Zeit über macht irgendjemand von außen Druck, entweder die Eltern oder die Lehrer. Es geht darum sein Abitur mit einer möglichst guten Note zu bestehen. Worin wir wirklich gut sind und was wir eigentlich wollen und brauchen ist erst einmal hinten angestellt. Wenn du in irgendeinem Fach auf einer fünf bist, ist alles andere erst einmal nebensächlich und du musst das wieder gerade biegen. Du traust dich nicht einmal deine Zukunft zu planen, denn wenn du dein Abitur nicht schaffst, fällt sowieso alles ins Wasser und die Enttäuschung wäre groß. Also konzentrierst du dich nur darauf. Und dann ist die Schule zu ende, du hast dein Abitur und alle Menschen, die dir vorher ganz genau diktiert haben, was du zu tun hast und was nicht, schauen dich mit großen Augen an und erwarten von dir, dass du den richtigen Weg einschlägst, denn du hast ja jetzt dein Abitur und bist erwachsen.

Aber was genau sind eigentlich meine Stärken? Was gibt es dort draußen in der echten Welt für Möglichkeiten und Herausforderungen, die man in der Schule nicht kennengelernt hat? Was will ich eigentlich und warum erwarten jetzt alle, dass ich das weiß, wo sie doch vorher nicht einmal interessiert hat, was das ist? Dieser Moment, in dem all der Druck von den Schultern abfällt ist Segen und Fluch zugleich. Endlich darf und soll man die eigenen Entscheidungen treffen und ins Erwachsenenleben eintreten, aber wurde man jemals darauf vorbereitet? Was folgt ist der Sprung ins kalte Wasser. Manche fallen in ein tiefes Loch. Andere haben eine Sinnkrise. Was will ich? Wer bin ich eigentlich? Und was kann ich noch, außer der Fächer, in denen ich gute Noten habe. Was mache ich jetzt eigentlich?

Ich finde das Schulsystem veraltet und auf eine Leistungsgesellschaft getrimmt, die viele Menschen unglücklich macht. Was bringt es mir all das Geld zu verdienen, wenn ich keine Zeit habe es auszugeben oder die Sachen, die ich mir damit gekauft habe, zu genießen? Warum stellt man sich innerhalb der Schulzeit nie die Frage was Glück eigentlich bedeutet und erlernt keine Fähigkeiten, wie man sein eigenes Glück finden und leben kann. Was bedeutet Liebe, oder Loyalität und was können wir tun, um dem Planeten und den Menschen, die auf ihm leben etwas Gutes zu tun? Wer sind wir eigentlich, wer bin ich und was kann ich? Was bedeutet für mich ein erfolgreiches Leben geführt zu haben? Was ist mir wichtiger, meine Zeit oder mein Geld? Was sind meine Prioritäten?

Natürlich stellt man sich diese Fragen in keinem Unterrichtsfach. Wir sollen zu leistungsfähigen Maschinen ausgebildet werden, die die Wirtschaft ankurbeln und das bestehende System aufrechterhalten. Bloß keine rebellischen Köpfe, oder neuen Ansätze, denn das würde bedeuten, dass die Menschen erkennen, was wirklich wichtig für sie ist und plötzlich würde das Generieren von Geld vielleicht gar nicht mehr so eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen.

Ich schreibe diesen Text hier, weil er tief in meiner Seele brennt. An alle, die sich ausgegrenzt gefühlt haben, die dachten sie seien nicht normal und würden nicht dazugehören. An alle, die regelmäßig an ihre Grenzen kommen, unglücklich sind und nicht wissen warum. Mir ging es genauso. Ich habe immer noch keine Ahnung, wo das Leben mich hintreibt, aber ich denke jetzt anders. Solange ich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang das machen kann, was mich mit Glück und Freude erfüllt, führe ich ein reiches Leben, das mir kein Geld der Welt allein, geben könnte. Ich vertraue einfach auf meine innere Weisheit und lasse mich treiben. Wenn mir etwas nicht gefällt, wende ich mich davon ab. So leicht kann es sein. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig und das hier ist mein Leben. Ich will es authentisch und nach meinen eigenen Werten leben, komme was wolle und wenn das bedeutet, dass ich unter einer Brücke leben muss.

Versteht mich nicht falsch, ich finde Geld toll, es ist eine Machterweiterung, die in den richtigen Händen viel Gutes bezwecken kann. Aber Geld ist nicht mein Lebensinhalt. Das bin ich selbst und die Menschen, die ich liebe und mit denen ich so viel Zeit wie möglich verbringen will, bevor meine Zeit abgelaufen ist. Ich glaube daran, dass jeder tief in seinem Inneren schon weiß, was gut für ihn ist. Wir haben nur verlernt auf unsere eigene Intuition zu hören und unsere Gedanken mit den Vorstellungen von anderen Menschen gefüllt.

Also fasst euch ans Herz und stellt euch diese eine Frage. Tue ich wirklich, was ich von Herzen liebe und tun will? Oder tue ich etwas, von dem ich denke, dass es gut ist, das zu tun. Von dem ich denke, dass ich es tun sollte und muss.

Was habt ihr zu dem Thema für Gedanken? Bitte teilt sie mir doch in den Kommentaren mit. ❤

 

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3 Gedanken zu “Was bringt uns eigentlich unser Schulsystem?

  1. Lilian schreibt:

    Erstmal finde ich deine Geschichte beeindruckend 🙂 Und ich denke du hast Recht mit vielem, was du sagst 🙂 In der Schule geht es immer nur um Noten… Damit bin ich eigentlich ganz gut klar gekommen. Lernen ist mir einfach leicht gefallen, aber jetzt stehe ich hier mit einem Abitur, mit dem ich fast alles studieren könnte, und weiß trotzdem nicht, was ich machen soll. Man hat in der ganzen Zeit so viel Fachwissen gelernt… aber wie du schon geschrieben hast, die wesentlichen Fragen kann man damit nicht beantworten.
    Liebe Grüße,
    Lilian

    Gefällt 1 Person

    • buecherjase schreibt:

      Erstmal danke, dass du dir die Zeit genommen und meinen Beitrag gelesen hast! Das freut mich total, weil ich schon die Befürchtung hatte der Beitrag sei viel zu lang und keiner würde so viel lesen wollen… 🙈 Was du schilderst kann ich gut nachvollziehen, auch wenn ich keine Topnoten hatte.
      Liebe Grüße zurück,
      Jasemin

      Gefällt 1 Person

      • Lilian schreibt:

        Den Beitrag habe ich gerne gelesen 🙂 Herzlichen Glückwunsch an dich! Und letztendlich denke ich, dass es mehr auf den Inhalt ankommt, und wie es geschrieben ist, als auf die Länge…
        Und vermutlich hat man es immer schwer, egal mit welchen Eigenschaften/ Voraussetzungen… Man hat mir (vor allem in der Schule) immer das Gefühl vermittelt, ich sei irgendwie falsch, weil ich so still bin. Von daher kann ich auch gut nachvollziehen, was du mit dem Gefühl, nicht normal zu sein, meinst…
        Nochmal liebe Grüße,
        Lilian

        Gefällt 1 Person

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