Gedankenkarussell 3: Leistungsdruck

Wie viel kann ein Mensch leisten, bis er nicht mehr kann?

Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit immer öfter. Ich habe das Gefühl immer mehr zu tun zu haben, aber viel weniger Zeit für die Dinge, die mich wirklich begeistern. An meinem Jugendroman schreibe ich schon seit einiger Zeit nicht weiter und während ich Videos für YouTube drehe und Artikel für meinen Blog schreibe, bleibt kaum noch Zeit für mein Studium.

Von meinem Studium habe ich mich entfernt. Jetzt im Master merke ich, wie ich keine Freude mehr daran habe und es mich mehr stresst, als alles andere. Heute sollte ich eigentlich ein Referat halten. Die ganze Woche habe ich mich fertig gemacht, weil ich keine Ahnung mehr hatte, wie ich dabei überhaupt vorgehen soll. Heute geht es mir nicht gut und ich kann mein Referat nicht halten.

Das Gefühl versagt zu haben ist kurz aufgekommen, aber ich habe es schnell loslassen können, weil ich schon letzte Woche durch die Hölle gegangen bin. Ich habe es satt und keine Lust mehr darauf. Ich erzählte jedem, der es nicht hören wollte, dass ich es nicht schaffen würde und bekam nur ein ‚Du schaffst das schon!‘. Ein Satz, den ich zutiefst verabscheue. Und was wenn nicht? Alles was ich in diesem Moment eigentlich hören wollte war ein ‚Wenn du es nicht schaffst, ist das nicht schlimm. Dann liebe ich dich trotzdem‘. Das wäre Balsam für meine Seele gewesen. Aber da das keiner sagte, fing ich an es zu mir selbst zu sagen und meine Stimmung wandelte sich wieder zu einer besseren.

Momentan stelle ich alles in Frage, vor allem mein Studium. Die einzigen Konstanten in meinem Leben, an denen ich nicht zweifle, sind die Beziehungen zu den Menschen, die ich liebe. Leider kann ich nicht so viel Zeit mit meinen Liebsten verbringen, was mir zusätzlich schlechte Laune bereitet.

Diesmal war mein Gedankenkarussel also so in Fahrt, dass es mich in einer Abwärtsspirale immer weiter nach unten zog. Ich habe jetzt einen Termin bei der Psychosozialen Beratung meiner Uni, da ich einfach nicht mehr weiß was ich will und eine kleine Sinnkrise habe. Bringt mir das was ich mache überhaupt etwas?

Oder weiß ich vielleicht tief in meinem Inneren was ich wirklich will und es ist etwas ganz anderes? 2016 hat sich für mich sehr wirr angefühlt. Ich habe vieles gestartet, mich getraut, Dinge erlebt, aber irgendwie habe ich das Gefühl nichts richtig zu ende gebracht zu haben. Das will ich ändern. Am liebsten würde ich mich selbstständig machen, denn ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen für immer in einem 0-8-15-Job zu arbeiten, in dem ich als Individuum nicht viel zu melden habe. Ich glaube nicht, dass ich das bis zur Rente ertrage. Ich glaube, ich ersticke dann.

Ich habe einen Praktikumsplatz beim Radio erhalten, über den ich mich damals riesig gefreut hätte. Aber ich habe jetzt schon keine Lust darauf fürs Radio zu arbeiten, denn dort werde ich mich anpassen müssen. Und das nervt. Ich will ich sein, mit allem was ich bin. Alles andere kann ich nicht mehr. Ich weiß nicht wie ich meine Träume verwirklichen soll, aber ich will kein durchschnittliches Leben führen. Ich will mehr.

Wenn also in nächster Zeit wieder wenig von mir kommt, liegt es daran, dass ich weiterhin das verhasste Referat vorbereite, das ich jetzt nächsten Montag vortragen darf. Ich werde der Psychologin von meinen Plänen erzählen und dass ich an einem Punkt bin, an dem ich nichts mehr mit der Uni zu tun haben will. Andererseits bin ich jetzt schon so weit. Vielleicht ziehe ich mein Studium doch durch und stresse mich zeitlich einfach nicht mehr.

Es gibt Wichtigeres, als in Regelstudienzeit sein Studium abzuschließen. Es gibt Wichtigeres, als immer zu funktionieren. Und es gibt Wichtigeres, als den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. 

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9 Gedanken zu “Gedankenkarussell 3: Leistungsdruck

  1. FiktiveWelten schreibt:

    Das Wichtigste bist erst einmal du, in zweiter Linie dein Umfeld, also die lieben Menschen, die dein Herz beleben, dich auffangen und dir Halt geben. Klar eine kleine Sicherheit schadet niemandem, also da du schon so weit gekommen bist, überlege gut, bevor du alles hinschmeißt. Sollten deine anderen Ideen nicht funktionieren, hättest du immerhin einen Abschluss in der Tasche. Aber ich verstehe dich gut. Man möchte machen, was einem selbst entspricht und nicht was andere erwarten. Man möchte jeden Tag mit Leidenschaft an die Sache herangehen und sich mit dem, was man tut, identifizieren können. Mein Diplom schlummert auch seelenruhig in der Schublade – es ist mitunter aber gut zu wissen, dass ich es habe. Obwohl es ungenutzt ist, funktioniert es hin und wieder als Energieschub, eben weil ich nicht aufgegeben habe. ;o)

    Liebe Grüße
    Patricia

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    • buecherjase schreibt:

      Danke für deinen Ratschlag. 💕 Ich muss sagen, dass ich alles gegeben habe und heute das Referat gehalten habe, vor dem ich so Angst hatte und siehe da, ich habe es überlebt! Wenn man erstmal eine Aufgabe bewältigt hat und sieht, dass es klappt, dann findet man auch die Motivation wieder, vorausgesetzt man interessiert sich ansatzweise für das jeweilige Fach. 😊 Ich habe daraus gelernt und mir eine To-Do-Liste zur Vorgehensweise für zukünftige Referate zusammengestellt. Jetzt fühle ich mich nicht mehr ganz so überfordert. Vielleicht teile ich das demnächst mal auf meinem Blog. 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. arinatrotz schreibt:

    Hi
    Du hattest geschrieben, dass du die Worte „Du schaffst das schon“ nicht mehr hören konntest und lieber etwas gesagt bekommen hättest wie „Dann liebe ich dich trotzdem’“, für den Fall, dass es nicht klappen sollte. Die Worte, „Dann liebe ich dich trotzdem’“, halte ich persönlich für ein wenig problematisch, weil ich finde, sie suggerieren, dass man eigentlich nicht liebenswürdig ist, falls man es nicht schafft, man aber dennoch/trotzdem geliebt wird.
    Aber ich kann verstehen, dass einem der Satz „Du schaffst das schon“ irgendwann aus beiden Ohren heraus hängt. Mit dem Satz wird man im Grunde schnell abgespeist, weil sich die aussprechende Person im Grunde gar nicht die Zeit nehmen möchte sich tatsächlich mit den Problemen die man hat auseinander zu setzten. Man soll einfach funktionieren und es schaffen, egal wie.Dabei will man meistens einfach nur ein zuhörendes Ohr, welches die eigenen Probleme ernst nimmt und nicht mit einer lässigen Handbewegung beiseite wischt.
    Ich finde es schön, dass Du auch aus dieser schweren Zeit etwas positives herausziehen konntest! Ich wünsch Dir ganz viel Kraft für deine nächste Entscheidungen!
    Lg
    Arina

    Gefällt 1 Person

    • buecherjase schreibt:

      Danke für dein Kommentar! 🙂 Dass ich mich während solcher Zeiten fertig mache kommt ja daher, dass ich denke nur etwas ‚wert‘ zu sein, wenn ich leiste und es schaffe. Deswegen finde ich es schön den Satz zu hören. Man könnte daraus auch ein ‚Egal was passiert, ich liebe dich.‘ machen. Außerdem gehe ich hier von mir aus, deswegen kann ein Satz, der mir gut tun würde nicht problematisch sein. Verallgemeinern kann man das Ganze glaube ich sowieso nicht.

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      • arinatrotz schreibt:

        Der zweite Vorschlag ,Egal was passiert, ich liebe dich‘ finde ich sehr schön und da finde ich auch fehlt die für mich eher negative Assoziationen. Aber du hast Recht, verallgemeinern kann man nicht. Wenn man etwas Zeit hat und es auch nicht schlimm ist, wenn man für eine Weile etwas trauriger ist, kann man auch versuchen auf Entdeckungsreise zu gehen um herauszufinden, woher die Gedanken kommen, dass man annimmt nur mit Leistung etwas ‚Wert‘ zu sein. Meist kommen da recht überraschende Dinge bei raus, die einem aber gut weiterhelfen können.

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